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(CSM 02.10.19)

Vielleicht ist es dieser Funken Geist, von jenem die Japaner meinen, dass er in das von Menschenhand gefertigte Objekt übergeht und so auch die Architektur einzigartig machen kann. Vielleicht ist es die Begabung und die Ausbildung des Architekten oder die Umgebungsbedingungen der Entstehunggeschichte eines Bauwerks. Als Architekt gilt es, technische und gesellschaftliche Einflüsse der Umwelt zu sondieren, analysieren und zu adaptieren. Wie die Kunst eine filternde, fokussierende katalysierende Wechselwirkung entwickelt, so muss auch die Architektur reagieren auf die Umgebung. Von der „Entdeckung“ des Stahlbetons durch den Gärtner Joseph Monier in Paris um 1845, bis zum durch Stahl- und Betonbau möglich gemachten fließenden Raum der klassischen Moderne sind knapp siebzig Jahre vergangen! Es ist uns heute bewusst, wie wichtig nachhaltige, umweltschonende Gebäude als Regulativ ständig wachsender Co2 Emissionen sind, aber es wird uns Architekten manchmal zu wenig Zeit gegeben, auf diese neuen Anforderungen auch gestalterisch einzugehen.

Moderne Architektur ist oft Eventarchitektur geworden, geschaffen, um schnell konsumiert und danach genauso schnell vergessen zu werden, Architektur, die oberflächlich betrachtet durchaus gestalterisches Format besitzt, aber durch Ihre inhaltliche Leere nicht beständig sein kann. Qualitätvolle Architektur muss auf die Umwelt reagieren können, wird alt werden, ohne alt zu wirken. Ein fünfhundert Jahre altes geschickt angelegtes Gebäude kann ohne massive Dämmung und Technikwahn umweltschonender und gesünder sein, als eine mit dem letzten technischen Errungenschaften errichtete “Thermoskanne”.

Dabei ist die Fortschrittsfeindlichkeit der verfehlte Weg, um diese Fragestellungen anzugehen. Ob wir, die Technisierten, uns in den letzten Jahren in die richtige Richtung bewegt haben oder glücklicher durch Technologie und Komfort geworden sind, werden nachfolgende Genrationen beurteilen müssen. Die Geister des Fortschritts, die wir aus der Flasche gelockt haben, sind präsent. Die Antwort auf Probleme der technisierten Gesellschaft kann in der Konsequenz kein Sprung in die Vergangenheit sein, sondern wird ein noch weiter entwickelter Technikkosmos sein müssen. Gleiches gilt auch für die zeitgenössische Architektur, denn die Baukunst ist untrennbar mit dem Stand der Technik verbunden. Das Bestreben, Energie ohne Karbonfussabdruck zu produzieren, die günstig und ausreichend verfügbar ist, ermöglicht einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft und macht wieder eine Architektur möglich, die es nicht nötig hat, gestalterische Trivialität mit Hinweisen auf  Wärmeschutzverordnungen zu begründen.

Wenn man heute einen Rundgang durch die europäischen Metropolen macht, könnte man bei oberflächlicher Wahrnehmung den Eindruck bekommen, dass zeitgenössische Architektur oft scheinbar nicht mehr in der Lage ist, die Antworten auf die städtebaulichen Fragen des 21.Jahrhunderts zu geben. Man findet häufig einerseits monoton – international geprägte Gestaltung der Neubauten oder andererseits rekonstruierte Gemütlichkeit, soweit getrieben, dass man nicht mehr deuten kann, was Original und Rekonstruktion unterscheidet.

Wir Architekten sollten uns wie alle anderen Zeitgenossen in die Gesellschaft einordnen. Vieles sehen wir mit anderen Augen.  Aber kurzfristig Fehler oder Bedarf zu erkennen, ist nur die eine Seite der Medaille: Tragfähige, langfristig belastbare Antworten zu geben, beinhaltet die Gefahr, am Ende vor dem selbstdefinierenden Anspruch zu scheitern.

Trotz aller Zweifel: Gebaute Antworten können in der Baukunst der einzige Gradmesser für die Richtigkeit eingeschlagener Wege.